In Memoriam Mira Furlan

Manchmal bedarf es eines traurigen Anlasses, um sich etwas bewusst zu werden, daher starten wir unser neues Programm mit einem Nachruf. Am 20. Januar 2021 starb die Schauspielerin Mira Furlan an Komplikationen einer Infektion mit dem West Nile Virus im Alter von 65 Jahren in ihrem Haus in Los Angeles. Bekannt wurde sie für ihre Rollen in “Babylon 5” und “Lost” – Eine Meldung, die so oder ähnlich durch viele Medien ging. Aber dies ist nur der eine Teil eines bewegten Lebens.

Denn Mira Furlans Karriere als vielversprechende Schauspielerin begann in Jugoslawien und wäre zwischen Zagreb und Belgrad auch fast zu Ende gegangen. Aufgewachsen in Zagreb in einer interlektuellen Famile, studierte sie Schauspiel und wurde bald Ensemble-Mitglied am kroatischen Nationaltheater. Darüber hinaus spielte sie in Film und Fernsehen (darunter auch in Emir Kusturicas When Father was away on Business / Otac na službenom putu von 1985, der in Cannes die Palme d’Or gewann und für einen Auslands-Oscar nominiert war oder The Beauty of Vice / Lepota Poroka ) und wirkte auch in Theaterproduktionen in Belgrad. Dort traf sie auch ihren späteren Mann, den Regisseur Goran Gajić, der zwar in Zagreb geboren aber ethnischer Serbe ist.

Trailer zu The Beauty of Vice / Lepota Poroka

War eine pan-jugoslawische Zusammenarbeit besonders im Kulturbereich auch in den späten 80er Jahren noch üblich, trotz des sich verschlechternden politischen Klimas und des Aufkommens des Nationalismus, kippte mit Beginn des kroatischen Unabhängigkeitskrieges die Stimmung: Mira Furlan, die sich 1991 weigerte, ihre Arbeit an einer Theaterproduktion in Belgrad aufzugeben – das pazifistische Stück sollte beim internationalen Theaterfestival BITEF aufgeführt werden -, wurde aus dem Ensemble des Nationaltheaters gefeuert. Es folgte eine beispiellose und folgenschwere Schmierkampagne in kroatischen Medien. Besonders das Magazin Globus machte hier auch antisemtische Bemerkungen, Mira Furlans Mutter war Jüdin. Nach ihrem Tod entschuldigte sich sowohl das kroatische Nationaltheater als auch Globus für ihren Umgang mit Mira Furlan, letzteres jedoch so heuchlerisch und ohne die eigene Verantwortung anzunehmen, dass es einen Aufruhr in den sozialen Medien gab.

Als aktive Feministin und Schauspielerin, die sich der Einordnung in die zwei vorherrschenden Frauenerollen, die einfältige Heilige oder verruchte Femme fatale, entzog, war Mira Furlan ein exponiertes Ziel. Die Kampagne sollte ein Exempel statuieren und abschreckend wirken – ihr Anrufbeantworter wurde mit Morddrohungen überschwemmt, die Stadt Zagreb konfiszierte ihre Wohnung (und gab sie erst nach einem 16 Jahre dauernden Rechtsstreit 2008 zurück). Betroffen und enttäuscht, auch vom allzu lauten Schweigen fast aller ihrer Kollegen sowohl in Zagreb als auch in Belgrad, entschlossen sich Mira und ihr Mann, in die USA auszuwandern. Im Novemebr 1991 schreibt sie, noch aus Belgrad, einen Brief an ihre Mitbürger. Sie weigert sich, die Rhetorik des Krieges anzunehmen und verteidigt ihre Entscheidung, unter widrigsten Bedingungen die Auftrtitte in Belgrad und Zagreb trotz des Kriegszustandes beizubehalten (die Reise zwischen Zagreb und Belgrad, normalerweise eine 3-stündige Zugfahrt, dauerte aufgrund der unterbrochenen Verbindungen 20 Stunden und führte über Österreich und Ungarn). Sie schreibt:

“I am sorry, my system of values is different. For me there have always existed, and always will exist, only human beings, individual people, and those human beings (God, how few of them there are !) will always be excepted from generalizations of any kind, regardless of events, however catastrophic. I, unfortunately, shall never be able to “hate all Serbs,” nor even understand what that really means. I shall always, perhaps until the moment the kind threats on the phone are finally carried out, hold my hand out to an anonymous person on the “other side,” a person who is as desperate and lost as I am, who is as sad, bewildered, and frightened. ” (source)

In den USA, dem Land mit einer der einflussreichsten und größten Filmindustrien der Welt als Schauspielerin komplett neu anzufangen, ist sicher nicht leicht. Eine Ikone der Science Fiction Community zu werden, sicherlich noch schwerer. Doch trotz des Erfolgs zog es Mira Furlan zurück in die alte Heimat. Sie spielte 2008 in Goran Marković’s The Tour / Turneja und in Danis Tanović’s Circus Columbia (mit Untertiteln auf Amazon Prime, ohne auf Youtube) von 2010. In beiden Filmen geht es um das verschwindende Jugoslawien. Auch ans Theater kehrte sie zurück, so bereits 2002 in Rade Šerbedžijas Ulysses Theater auf den Brioni-Inseln und 2020 mit einem Projekt am Nationaltheater in Rijeka.

Trailer zu Circus Columbia, zu sehen auf Amazon Prime

Quellen / further reading:

UCL School of Slavonic and East European Studies – Panel “The Meaning of Mira Furlan” – watch the video of the Zoom Meeting here

Filip Stojanovski for Global Voices: “Hypocrisy vs history debate follows death of former Yugoslav actress Mira Furlan” (retrieved Feb 11 2021)

Stephanie Baric for the Lilith Blog: “The Unregretted Decisions of Actor Mira Furlan”, 2016 (retrieved Feb 14, 2021)

#the future is female – Neues vom SEE Film Club

Viel ist passiert im letzten Jahr und gemeinsames Filmekucken war leider nicht Teil davon. Da schwer absehbar ist, wann wir uns wieder persönlich treffen können, möchten wir den SEE Film Club ein wenig umstrukturieren und euch trotzdem über die besten Filme überwiegend aus dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien (Slowenien, Kroatien, Bosnien Herzegowina, Serbien, Montenegro, Kosovo und Nord-Mazedonien) mit Seitenblicken nach Albanien, Ungarn, Bulgarien und Rumänien auf dem Laufenden halten.

Mit Corona kam nach dem ersten Schock bei vielen Filmfestivals die Digitalisierung, was uns eine Vielzahl neuer Filme auf den heimischen PC spielte. Beim Schauen drängte sich eine Frage immer mehr auf: Wo sind differenzierte, komplexe Frauenfiguren? Daher wollen wir 2021 einen besonderen Schwerpunkt auf weibliche Filmemacher und starke Frauenrollen legen.

Wann immer möglich, zeigen wir euch, wo ihr Filme online mit Untertiteln schauen könnt.

PARADA am Mi, 13.02.2019, 19:30h im Kaffee Stark

Die Rechte der LGBTQ Communities in Südosteuropa waren ein unerwartetes Thema für einen der größten Kinohits der Region im Jahr seines Erscheinen 2011/2012.  Inspiriert von den leider all zu realen Protesten gegen die Belgrade Pride Parade, nimmt PARADA / THE PARADE die homophobe Einstellungen auf’s Korn und scheut auch nicht vor manch plumpem Witz zurück. Politische Seitenhiebe, viel schwarzer Humor und ordentlich Gesellschaftskritik vermischen sich zu einer unterhaltsamen Dramedy, die als einziger Film aus der Region auf der Berlinale 2012 Deutschlandpremiere feierte (und dort den Publikumspreis in der Sektion Panorama gewann).

PARADA – Serbia, 2011 – Srđan Dragojević – OmU

Mi., 13.02.2019, 19:30h, Hinterzimmer Kaffee Stark (Wohlwillstr. 18, Hamburg St. Pauli)

Der nächste SEE Film Club findet statt am Dienstag, 12.03.2019!

USTAV REPUBLIKE HRVATSKE / THE CONSTITUTION am Mi, 09.01.2019, 19:30h im Kaffee Stark

Das neue Jahr beginnen wir mit einem kritischen Blick, nicht auf die gesellschaftlichen Zustände in Kroatien, sondern generell in Europa.  Seine Nachbarn kann man sich bekanntlich nicht aussuchen, so leben auch die hiesigen Protagonisten eifrig aneinander vorbei, bis das Schicksal sie zueinander zwingt.

USTAV REPUBLIKE HRVATSKE / THE CONSTITUTION – Kroatien, 2016 – Rajko Grlic – 93min – OmENGUT

Mi, 09.01.2019, Hinterzimmer Kaffe Stark (Wohlwillstr. 18, St. Pauli)

Der Regisseur über seinen Film:

“My wish is to make a film about the present moment in Croatian history, about its prevailing atmosphere of hatred and intolerance. (…) In the last couple of years, it is as if a new wave of intolerance, ideological blindness and fanaticism is spreading. An
almost aggressive hatred between different nations, different religions, between natives and immigrants, between those who have and those who don’t have… it has (sic) been sweeping across Europe at a shocking speed.”  (Quelle)

 

 

Mit: Nebojša Glogovac, Dejan Acimovic, Ksenija Marinkovic et al.

Der nächste Filmclub ist am Mi, 13.02.2019!

Auf Facebook sind wir hier: https://www.facebook.com/SEEfilmclub/

 

 

CURE – ŽIVOT DRUGE / THE LIFE OF ANOTHER am Mi., 12.12.2018, 19:30h im Kaffee Stark

Im kalten Dezember machen wir uns auf den Weg ins sommerliche Dubrovnik, zurück in die 90er: Teenager Linda hat ihre Jugend in der Schweiz verbracht und kehrt nun, kurz nach der Belagerung, mit ihrem Vater nach Dubrovnik zurück. Sie freundet sich mit Eta an und bald schon verschwimmen die Grenzen. Nach einem folgenschweren Unfall stellt sich die Frage, wer ist wer und wer gehört wo hin?

CURE – ŽIVOT DRUGE / CURE – THE LIFE OF ANOTHER – Schweiz, Kroatien, Bosnien-Herzegovina, 2014 – Andrea Štaka – 83min – OmENGUT

Mi, 12.12.2018, 19:30h, Hinterzimmer Kaffee Stark (Wohlwillstr. 18, St. Pauli)

Mit: Leon Lučev, Mirjana Karanovič, Maria Škarišić et. al.

for further reading (Variety Review):

Film Review: ‘Cure — The Life of Another’

 

Der nächste Filmclub findet statt am 09.01.2019!

SEE Film Club ab jetzt im Kaffee Stark: CINEMA KOMUNISTO am Mi., 14.11., 19:30h

Nach ausgiebieger Sommerpause startet der SEE Film Club in die Saison in einer neuen Location: Das liebenswerte Kaffee Stark in der Wohlwillstr. 18 (St. Pauli) wird ab nun jeden 2. Mittwoch im Monat unser Zuhause und bietet nicht nur ein kuscheliges Hinterzimmer mit Sofas, sondern auch eine üppige Getränkeauswahl und sogar was für den kleinen Hunger.

Los geht es mit der ultimativen Einführung in die jugoslawische Filmgeschichte unter Tito mit

CINEMA KOMUNISTO, Serbia, 2011 – Mila Turajlić – 100 Min. – OmU

Mi., 14.11.2018, Hinterzimmer Kaffee Stark, Wohlwillstr. 18, St. Pauli

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Aufgemacht als liebevolle Doku erzählt – wenn auch etwas irreführend betitelt –  CINEMA KOMUNISTO die Geschichte der staatlich geförderten Filmproduktion in Titos Jugoslawien, in den goldenen Zeiten als amerikanische Filmstars auf den Brioni Inseln flanierten und Generationen junger Männer ihren Wehrdienst am Set von Partisanenfilmen verbrachten.

Selbst Hollywood produzierte in den immensen Studios in Belgrad, die mittlerweile brach liegen und dem Verfall preisgegeben sind. Regisseurin Mila Turajlić mischt seltenes Archivmaterial mit Zeitzeugen-Interviews: So plaudert neben Titos persönlichem Filmvorführer auch Filmlegende Bata Zivojinović aus dem Nähkästchen.

Der nächste SEE Film Club findet statt am Mi., 12.12.2018!

IZLET / A TRIP am Mi, 11.04.2018, 19:30h

Der Frühling macht sich langsam bemerkbar und wir greifen schon mal vor auf den Sommer: Drei Schulfreunde sind ihre eigenen Wege gegangen und treffen sich nun, einige Jahre später, zu einem Roadtrip durch Slovenien. Das Ziel: ans Meer.

Doch einiges hat sich verändert: Gregor ist auf Heimaturlaub aus dem Afghanistan- Einsatz, die lebhafte Ziva studiert im Ausland und der schwule Andrej lebt ambitionslos vor sich hin. Das Debut von Regisseur Nejc Gazvoda war Slovenien’s Kandidat für den Oscar und zeichnet den Zeitgeist Sloveniens.

IZLET / A TRIP, Slovenien, 2011, Nejc Gazvoda  – 85min – OmENGLUT

Mi., 10. April 2018 // 19:30h // Ort: in Ottensen, bitte Anmeldung unter SEEfilmclub (at) gmail.com

 

 

OBRANA I ZAŠTITA / A STRANGER am Mi, 10.01.2018, 19:30h

Immer öfter ist die Rede von gespaltenen Gesellschaften. Mit diesem Film beginnen wir das neue Jahr und werfen einen Blick auf die Auswirkungen einer faktisch geteilten Gesellsschaft auf den Einzelnen:

OBRANA I ZAŠTITA / A STRANGER, Kroatien/Bosnien Hercegovina, 2013, Bobo Jelčić  – 88min – OmENGLUT

Mi., 10. Januar 2018 // 19:30h // Ort: in Ottensen, bitte Anmeldung unter SEEfilmclub (at) gmail.com

Mostar, Bosnien Hercegovina: Slavko’s alter, muslimischer Nachbar ist gestorben und es schickt sich, auf dessen Beerdigung zu gehen. Das könnte den Kroaten aber in Bedrängnis bringen und so findet er sich im Widerstreit mit sozialen Anforderungen und seinen (begründeten?) Ängsten.

Der Hollywood Reporter attestiert:

“A downbeat psychological portrait of a city still traumatized by the post-war divisions between its two main cultures, the Muslim Bosniaks and the Christian Croats, A Stranger is a thoughtful and accomplished first film.”

NUNTA MUTA / SILENT WEDDING am Mi, 06.12.2017, 19:30h

Vor 100 Jahren brachte die Oktoberrevolution Stalin an die Macht und ebnete den Weg für die Erschaffung der Sowjetunion.Im nächsten SEE Film Club werfen wir einen komödiantischen Blick auf die konkreten Auswirkungen seines Todes in einem kleinen Dorf in Rumänien.

NUNTA MUTA / SILENT WEDDING, Rumänien, 2008, Horațiu Mălăele – 83min – OmDTUT

Mi., 06. Dezember 2017 // 19:30h // Ort: bitte Anmeldung unter SEEfilmclub (at) gmail.com

Im Sommer 1953 geht das Dorfleben seinen gewohnten wie skurrilen Gang, alle fiebern einem Ereignis zu: Die Hochzeit von Mara und Iancu. Just einen Tag vor dem großen Fest stirbt Stalin und Staatstrauer wird angeordnet. Natürlich suchen (und finden) die gewieften Dorfbewohner einen Weg, um trotzdem zu feiern.

 

Regisseur Horațiu Mălăele zeigt hier sein filmisches Debut, wirkter er zuvor als Schauspieler im rumänischen Theater und als Autor.

 

 

SPOMENIK MAJKLU ĐEKSONA / MONUMENT TO MICHAEL JACKSON am Mi., 01.11.2017

Der SEE Filmclub meldet sich zurück und passend zur dunkler werdenden Jahreszeit mit einer schwarzen Komödie!

SPOMENIK MAJKLU ĐEKSONA / MONUMENT TO MICHAEL JACKSON, Serbien, 2014, Darko Lungulov – 91min – OmDTUT

Mi., 01. November 2017 // 19h // Ort: bitte Anmeldung unter SEEfilmclub (at) gmail.com

Während Denkmäler und der Umgang damit zum Teil heiß umstritten sind in Südosteuropa, gibt es immer wieder scheinbar absurde Statuen, die nicht unbeidngt einem gewissen Charme entbehren (mehr zum Thema “Conflicting Memories” z.B. hier auf Balkan Insight). So dreht sich dieser Film um ein Denkmal für Michael Jackson, das für die jeweiligen Protagonisten größte Bedeutung bekommt und ihr Leben verändern (soll).

Der Film aus dem Jahre 2014 wurde als Serbiens Kandidat für den ausländischen Oscar gehandelt, letztendlich jedoch nicht nominiert. Trotzdem sind einige der wichtigsten Schauspieler, darunter die legendäre Mirjana Karanović vertreten.

Ausnahmsweise zeigen wir den Film mit deutschen UT.

Der Ort hängt von der Teilnehmerzahl ab, daher bitten wir um  verbindliche Anmeldung an SEEfilmclub (at) gmail.com.